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Blumen ohne Gift: Im Pankower Norden bringt eine Slow-Flower-Farm den Friedhof zum Blühen

Hinter der Kapelle auf dem Pankower Zionsfriedhof blühen riesige Dalien in Rot- und Gelbtönen. Hier, hoch im Pakower Norden, bestellen die Blumenfarmer*innen Imke und Reuben Glaser ihren Acker. Sonnenblumen säumen den Zaun zum noch genutzten Teil des Friedhofs. Auf einigen Parzellen sieht es etwas krautig aus, andere Parzellen liegen brach und sind mit Stroh bedeckt. Imke Glaser bleibt vor einer Wildblumenwiese stehen. „Das ist Gründünger“, erläutert sie, „und für unsere Bienen.“

Das Paar hat die Slow Flower Bewegung mitgegründet, die sich einem nachhaltigen, regionalen, pestizidfreiem Schnittblumenanbau verschrieben hat. Gut 120 Farmerinnen und Farmer haben sich seit 2019 der Bewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen. In Berlin gibt es bisher nur zwei Betriebe.

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Ihr Anliegen ist überfällig. Die Deutschen lieben Blumen, aber nur wenige wissen, welches Gift sie sich dabei womöglich auf den Wohnzimmertisch stellen. Deutschland ist der zweitgrößte Importeur von Schnittblumen weltweit – mit einem Handelsvolumen von 1 Milliarde Euro im Jahr 2020. Die meisten davon kommen aus den Niederlanden. Aber ein guter Teil stammt aus Lateinamerika und Afrika.

Gerade bei Blumen aus Entwicklungsländern sei der Einsatz von Pestiziden enorm, warnen Umweltverbände seit Jahrzehnten. Der BUND untersuchte im Jahr 2012 Rosen in Supermärkten und fand Rückstände von bis zu acht verschiedenen Pestiziden pro Rose, einige davon hoch krebserregend. Getan hat sich seitdem nichts. Blumen sind keine Lebensmittel. Die Inhaltsstoffe unterliegen keinen Kontrollen. In den Ländern selber sind die Arbeiter*innen den Giften oft schutzlos ausgeliefert. Das ist in den Niederlanden zwar anders, aber auch dort fand Greenpeace Gift in Schnittblumen, das vor allem für Bienen töSlow Flowerdlich ist. Daher warnen die Verbände: Herkömmliche Sträuße sind so giftig, dass sie im Hausmüll entsorgt werden müssen.

Auf der Mayda Blumenfarm bei Imke Glaser könnte man die Blumen hingegen bedenkenlos essen, zumindest die essbaren wie die bienenumschwirrten Ringelblumen. Ihr einjähriger Sohn läuft wackelig zwischen den Beeten umher, während sie der Pankower Spitzenkandidatin der Grünen Cordelia Koch und dem Bundestagsabgeordneten Stefan Gelbhaar ihren Betrieb erläutert. Das erste Jahr haben ihr Mann und sie den Boden aufgebessert, damit überhaupt verkaufsfähige Schnittblumen wachsen können. Das was wie Stroh auf einigen Parzellen aussieht, ist der Rest von Winterwicken, Winterroggen und Ikarnat-Klee, die den Boden düngen. Dadrunter schlummern zweijährige Jungpflanzen. In einer schattigen Ecke hinter der Kapelle kämpft eine mit Mehltau befallene Kürbisspflanze ums Überleben. „Bei diesem Beet müssen wir noch experimentieren. Es ist zu schattig für die meisten Blumen und war diesen Sommer sehr feucht,“ erläutert Imke Glaser.

Experimentieren müssen die beiden Farmer*innen viel. Imke Glaser hat sich schon lange für Gartenbau interessiert und auch einige Seminare belegt, aber dabei wenig zu ökologische Schnittblumen gefunden. Darum sieht sie sich als Autodidaktin. Als sie Gartenbauschulen besuchte, wusste sie, dass sie anders Blumen anbauen wollte. Sie suchte nach einem Acker in Brandenburg, dann las sie zufällig vom Berliner Friedhofentwicklungsplan und wandte sich an den evangelischen Friedhofsverband.

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„Solche Nutzungen sind der Idealfall,“ findet Cordelia Koch. Sie weiß: Viele Friedhöfe verwildern. Der Bedarf an Friedhofsflächen hat sich seit 1980 halbiert. Dazu tragen der Anstieg der Lebenserwartung, sowie die Zunahme von Feuerbestattungen und Gemeinschaftsgräbern bei. Die Eigentümer können bei sinkenden Einnahmen, die Pflege nicht mehr sicherstellen. Der 2006 vom Senat beschlossen Friedhofsentwicklungsplan hat zum Ziel, dass neue Nutzungen die ökologische Vernetzung von Grün- und Landschafträumen berücksichtigen.

Bisher mieten die Glasers 1200 Quadratmeter auf dem Zionskirchhof. „Das ist für uns momentan eine optimale Größe,“ sagt sie. „Mehr kann man am Anfang fast nicht schaffen. Aber perspektivisch würden wir gern einen halben Hektar (5000 qm) bewirtschaften, um mehr ausprobieren zu können.“ Stefan Gelbhaar und Cordelia Koch regen an, Schulungen zu ermöglichen, Freiwillige könnten ein ökologisches Jahr absolvieren.

Der Verkauf der Blumen läuft gut an. „Wir setzen auf Direktvertrieb,“ sagt Imke Glaser. Sie nimmt 15 bis 25 Euro für einen Strauß. Für einen prächtigen Strauß ein Schnäppchen, aber für die Großmärkte zu teuer – jedenfalls solange die Verbraucher*innen den Wert ökologischer Schnittblumen nicht anerkennen. Bisher konnten sie den Bioladen Biogoods in der Kastanienallee und den Kinderladen Mjot in Kreuzberg als zuverlässige Abnehmer gewinnen. Jeden Donnerstag öffnen sie ihre Farm für Selbstabholer. Nach Terminabsprache kann man sich seinen Strauß auch selber pflücken. „Wir bekommen viel Zuspruch,“ erzählt Imke Glaser. „Manchmal kommen auch Nachbarn, die uns einfach nur beim Jäten helfen wollen.“

Mayda Blumenfarm auf dem Zionsfriedhof, Dietzgenstr. 158, 13158 Berlin

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